Pre-Editing

Pre-Editing – der jüngste Trend in der Übersetzungsbranche.

Viele Branchen entwickeln sich in den letzten Jahren immer schneller. Trends werden immer kurzlebiger, was gerade erst als „das ganz große Ding“ hochgelobt wurde, verschwindet bald zugunsten einer neuen, noch schnelleren Entwicklung. Ziel all dieser Neuerscheinungen ist es, so der Tenor, immer bessere Ergebnisse mit immer effizienteren Methoden zu erreichen. Die Übersetzungsbranche ist hier keine Ausnahme.

1. Bestandsaufnahme: Die neuesten Trends in der Übersetzungsbranche

Waren CAT-Tools die große Neuerung der 1990er-Jahre, so sind sie heute nicht mehr allein „State of the Art“.

In den vergangenen Jahren nahm der Marktanteil maschineller Übersetzungen rasant zu – wir haben in früheren Artikeln zu Übersetzungsprogrammen ausführlich darüber berichtet.

Diese Entwicklung beschränkt sich nicht nur auf kurze Informationsübersetzungen wie die Übersetzung von Twitter- oder Facebook-Posts, bei denen es nur darauf ankommt, im wesentlichen zu verstehen, was gemeint ist. Bei vielen KundenInnen besteht die Nachfrage, auch bedeutendere und längere Texte auf diese Art zeit- und kostensparend übersetzen zu lassen.

In diesem Umfeld mangelt es nicht an kreativen Ideen, um mit Übersetzungsprogrammen zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen.

War MTPE, also Maschinelle Übersetzung plus Post-Editing, lange Zeit die Vorgehensweise erster Wahl, so scheint nun ein neuer Trend aufzukommen: das Pre-Editing.

2. Was ist Pre-Editing?

2.1 Gründe für die Leistung Pre-Editing

Übersetzungsprogramme werden immer mehr genutzt und  dabei erkennen die AnwenderInnen bei längeren und anspruchsvolleren Texten recht schnell das grundsätzliche Problem, nämlich dass die Maschine nicht in der Lage ist, den Sinn eines Textes zu begreifen. Dies wird auch in naher Zukunft nicht der Fall sein. Bestenfalls kann sie die oft sehr unregelmäßigen Muster, die einer jeden Sprache zugrunde liegen, erfassen und summarisch verarbeiten. Nun versucht man dem Problem mit einem neuen Ansatz beizukommen. Anstatt viele mühselige Arbeitsstunden mit dem Nachbessern des Outputs einer Maschinenübersetzung zuzubringen, warum den Spieß nicht einfach umdrehen? Denn ist die Struktur der gängigen Fehler erst einmal erkannt, könnte man doch auch den Input vorweg in eine maschinengerechte Form umwandeln?

Ideal wäre es einer Maschine nur solche Texte einzugeben, die von der KI nicht falsch eingeordnet werden, dann könnte bei den Übersetzungen doch nichts mehr schiefgehen! So die Theorie, die von der Logik her auch vollkommen schlüssig klingt. Dieses Vorbereiten und vereinfachende Umschreiben von Texten, damit die Übersetzungssoftware sie besser verarbeiten kann, wird als Pre-Editing bezeichnet.

2.2 Wie Pre-Editing funktioniert und was es bedeutet

2.2.1 Wer kann Pre-Editing leisten?

Wenn ein Text für die Maschine umgeschrieben werden muss, bedeutet das in erster Linie, dass die Person, die den Text umschreibt, genau wissen muss, wie die unterschiedlichen Übersetzungssoftwares arbeiten. ÜbersetzerInnen sind hier natürlich die erste Wahl:

  • weil sie sich mit Texten und Übersetzungen und mit den binären Paarungen zwischen Sprachen auskennen;
  • weil sie die typischen Schwächen der einzelnen Übersetzungsmaschinen bereits geprüft haben und sehr, sehr gut kennen (DeepL macht typischerweise andere Fehler als Google oder Microsoft);
  • weil für ein sinnvolles Formulieren herausragende linguistische Kenntnisse notwendig sind.

Einige findige Geschäftsleute haben darin bereits eine Marktlücke entdeckt und bieten Unternehmen Workshops an, damit sie Pre-Editing lernen und von vornherein Texte so schreiben, dass sie maschinell übersetzt werden können. Wirklich sinnvoll ist es jedoch nur bedingt, da dreierlei Kenntnisse dafür erforderlich sind: Kenntnisse über die „Denkweise“ der (jeweiligen) Maschine, linguistische Erfahrung beim Aufspüren der Tücken des Ausgangstexts, und nicht zuletzt genaue Kenntnisse der Gepflogenheiten und Eigenarten der Zielsprache im Vergleich zur Ausgangssprache. Von einem Nicht-Linguisten ist dies kaum zu leisten.

2.2.2 Was wird beim Pre-Editing genau gemacht?

Kurz gesagt: Es wird alles gestrichen oder umgeschrieben, was sprachlich nicht konkret, nicht eindeutig, nicht sachlich ist. Dies kann sich auf einzelne Begriffe beziehen, auf grammatische Zweideutigkeiten, auf Komposita, auf idiomatische Redewendungen, auf Satzstrukturen, auf Metaphern, von denen ein kundiger Übersetzer weiß, dass sie nicht ordnungsgemäß von den Maschinen übertragen werden können. Was für die Maschine nicht verständlich ist, wird bestenfalls umgeschrieben, notfalls ersatzlos gestrichen.

Die größte Fehlerquelle ist die Mehrdeutigkeit von Sprache und damit das, was eine Sprache so interessant und lebendig macht.

Wir erläutern an einem Beispiel: Der französische Begriff ‚éventail‘ wird von Deepl mit Ventilator, Lüfter oder auch Fan übersetzt. Durchaus richtig, jedoch ist in unserem Textbeispiel einer Übersetzung für ein französisches Modeunternehmen der éventail ein Faltfächer, mit dem man sich Luft zufächelt. Eine Bedeutung die DeepL vollkommen außer Acht lässt. Hier müsste der Pre-Editor erklärende Beiwörter hinzufügen, die es der Maschine ermöglichen, den Begriff richtig einzuordnen.

Auch kann die Maschine (noch) nicht satzübergreifend denken. In unserem obigen Beispiel erscheinen die 3 unterschiedlichen falschen Versionen in einem kurzen Text von 3 Sätzen, in jedem Satz bringt das Übersetzungstool eine andere vermeintliche Lösung. All diese Mehrdeutigkeiten müssten durch Pre-Editing erkannt und vermieden werden.

2.2.3 Gibt es einen Unterschied zwischen Leichter Sprache / Einfacher Sprache und Pre-Editing?

Auf den ersten Blick könnte es so klingen, dass Pre-Editing und die Übersetzung in leichte oder einfache Sprache das gleiche seien: lange Sätze müssen aufgeteilt und vereinfacht werden, Partizipialkonstruktionen sollten aufgelöst, Zweideutigkeiten von vornherein aufgespürt und vermieden werden. Tatsächlich sind es aber zwei vollkommen unterschiedliche Bearbeitungsweisen:

Das Pre-Editing wendet sich an Maschinen und die Übersetzung in Leichte / Einfache Sprache an Menschen: Während die Leichte / Einfache Sprache sich bemüht, alle Inhalte eines Textes erklärend zu vermitteln, ist das Erstanliegen von Pre-Editing die effizientere Nutzung eines Arbeitsgeräts: des Computers. Pre-Editing hat keinen kommunikativen oder pädagogischen Zweck, und es ist auch nicht, als würde man einem Kind Inhalte in einer kindergerechten Sprache vermitteln.

2.2.4 Pre-Editing – die kostengünstige Handreichung für Maschinelle Übersetzungen?

Beim Pre-Editing und auch beim Post-Editing erwarten sich KundeInnen zunächst eine erhebliche Kostenersparnis. Für beide Methoden wird angenommen, dass sie den finanziellen und zeitlichen Aufwand für Übersetzungen und damit die Kosten senken. Doch oftmals trügt der Schein: Die Effizienz und Zeitersparnis gegenüber einer Übersetzung „von Hand“ ist in vielen Fällen minimal – die Qualitätseinbuße jedoch enorm.

3. Was Pre-Editing für Sprache und Schreiben bedeutet

3.1 Pre-Editing als Nachbearbeitung eines vorhandenen Textes: Verlust von wichtigen, witzigen, ironischen, versteckten Inhalten?

Was die Maschine nicht versteht, muss nicht notwendigerweise in der Tat überflüssig, redundant oder frei von Inhalten sein. Manchmal sagt eine Metapher mehr als tausend Worte. Die rosarote Brille, das blaue Wunder, die Mauer des Schweigens, die Nadel im Heuhaufen, das gebrochene Herz, die Adleraugen… für die KI ergibt das keinen Sinn. Wir als Sprecher wissen aber sofort, was mit diesen Sprachbildern gemeint ist, das Gesagte wird deutlicher, sprachlich reicher und anschaulicher.

3.2 Pre-Editing als extreme Form übersetzungsgerechten Schreibens

Schlimmstenfalls wird Pre-Editing zur Schere im Kopf (wieder ein Bild, das die KI nicht versteht) und es wird in den einschlägigen Workshops den KundenInnen beigebracht, sich konsequent immer nur so auszudrücken, dass Maschinen den Text verstehen. Das Ergebnis ist eine extrem standardisierte, vereinfachte, von Schönheitsmerkmalen, persönlichen Vorlieben, eigenem Stil völlig befreite Sprache, die nichts Menschliches mehr an sich hat.

3.3 Für welche Texte ist Pre-Editing geeignet?

Bei sehr standardisierten technischen Texten vielleicht hilfreich, bei allen Texten, bei denen emotionale oder kommunikative Komponenten wichtig sind (Korrespondenz, Marketing) kaum geeignet, weil gerade die wichtigen kleinen Nuancen, die Schattierungen komplett weggebügelt werden.

Pre-Editing erinnert an 1984?

Pre-Editing ist ein zweischneidiges Schwert, dessen vermeintliche Notwendigkeit zunächst einmal lediglich die Unzulänglichkeit maschineller Übersetzungen beweist. Aber es geht noch weiter…
Es gibt Untersuchungen darüber, wie unser Gehirn sich bereits durch die Gewöhnung an den Umgang mit Computern verändert hat: Millennials denken bereits weniger individuell und deutlich mehr „inside the box“ als die Generation ihrer Eltern. Wir alle, die online werben müssen, richten uns bereits mit dem Bemühen um SEO-Arbeit nicht nach dem, was wir sagen wollen und wie wir es sagen wollen, sondern nach dem, was KI und Algorithmen verstehen und gut finden. Pre-Editing darf als weiterer Schritt in diese Richtung betrachtet werden.

Denken wir da nicht zwangsläufig an das ‚Neusprech‘ in George Orwells Roman 1984?

Basis ist beim ‚Neusprech‘ die vorhandene Sprache wie wir sie alle kennen, unterteilt in A- B- und C-Vokabular. Allen Wörtern in ‚Neusprech‘ gemeinsam ist die Reduktion, sie sind in ihrer Bedeutung ganz eng gefasst, klar umrissen, bereinigt von sämtlichen Mehrdeutigkeiten und Bedeutungsnuancen. Die Grammatik setzt auf die völlige Austauschbarkeit aller Satzelemente, jedes Wort wird sowohl als Verb, Substantiv, Adjektiv oder Abverb verwendet. Statt ‚Gedanke‘ oder ‚denken‘ heißt es jetzt nur noch ‚Denk‘.

Die Negativformen eines Adjektivs finden ihre Vereinfachung in der universellen Verwendung des Affixes un– . Es heißt nicht mehr warm, sondern unkalt, aus hell wird undunkel, so braucht man das Wort ‚hell‘ nicht mehr. Diese Vorgehensweise stellt eine gewaltige Reduzierung des Vokabulars dar. Des Weiteren setzt ‚Neusprech‘ auf absolute Gesetzmäßigkeit. Unregelmäßige Verben werden regelmäßig gemacht, aus ‚dachte‘ wird ‚denkte‘, in Analogie werden alle Formen des Präteritums gleich gebildet.

So weit geht es beim Pre-Editing natürlich (noch) nicht, aber sollte uns das nicht zu denken geben? Die Langzeitgefahr ist, dass wir uns damit abfinden, immer einfacher und computerfreundlicher sprechen und schreiben zu müssen, unsere menschliche Sprache in der Folge verarmt und gerade das, was uns menschlich macht, irrelevant, unerwünscht und nicht mehr kommunizierbar wird, dass unsere Individualität abgeschafft wird – erst in der Form, dann in den Inhalten und schließlich im Bewusstsein. Ist die Konsequenz daraus etwa Gefühlsverarmung und der Verlust des Sinns für das Schöne?

Laut Orwell haben wir noch ein bisschen Zeit, er schließt mit dem Satz:

„Man wollte genügend Zeit für die Übersetzungsarbeit haben und hatte hauptsächlich deshalb die endgültige Übernahme von Neusprech mit dem Jahr 2050 so spät angesetzt.“

 [zitiert nach der Übersetzung von Jan Strümpel, Anaconda-Verlag]

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