Footprint am Strand

Hinterlassen Übersetzer ihre Spuren?

Die Corona-Krise hat uns in den letzten Monaten schmerzvoll die Gelegenheit gegeben, zu zeigen, wie relevant und wirtschaftszentral Übersetzer und Dolmetscher sind, die ihre Aufgaben nur zu oft im Verborgenen verrichten – sei es in der Unsichtbarkeit der Sprecherkabine bei großen internationalen Veranstaltungen und politischen Gipfeln, sei es an einem fernen Schreibtisch im Home Office. Heute möchten wir der Frage nachgehen, wie viele Spuren insbesondere Übersetzer in den Texten, die sie bearbeiten, hinterlassen, welche wünschenswert, welche notwendig sind, und welche im Gegenteil nicht sein dürfen.

Die Handschrift des Übersetzers

In der Literatur: Der Übersetzer schreibt mit

Verlage bemühen sich unabhängig ihrer Themen- und Preiskategorien grundsätzlich, für die Übersetzung der Werke insbesondere produktiverer Bestseller-Autoren konsequent immer denselben Freien Mitarbeiter zu verpflichten. Aus gutem Grund: Ist dies auf Dauer nicht möglich oder fällt ein Übersetzer aus Alters- oder Krankheitsgründen aus, kann es vorkommen, dass die Fangemeinde, die an einen bestimmten Duktus gewöhnt war, ungeachtet der tatsächlichen und vom Lektorat geprüften Qualität der Übersetzung regelrecht den Aufstand probt. Dies liegt daran, dass auch bei aller Texttreue jeder Übersetzer über seine eigenen Sprachgewohnheiten und Vorlieben, die unbewusst in den Text einfließen, eine für „seinen Autor“ stimmige und routinierte Sprachwelt erschafft, die zu einem Erkennungsmerkmal wird. Die Leser identifizieren intuitiv Tonfall, Rhythmus, Melodie, Farb- und Klanggebung und möchten sich innerhalb ihrer Lieblingsbuchreihe etwa in einem vertrauten, eigenen Universum wissen. Der wissenschaftliche Vergleich zwischen Übersetzungen zeigt, dass es nicht um „Richtigkeit“ geht, sondern dass die Entscheidungen, die ein Übersetzer trifft, erkennbar seine Handschrift und seine Überzeugungen widerspiegeln. Ebenso ist bekannt – wenn auch nicht immer entsprechend gewürdigt –, dass Übersetzungen einen großen Anteil an der Wahrnehmung und Rezeption von Büchern haben, ja sogar einen Einfluss darauf haben können, ob ein Autor als Nobelpreis-Kandidat in Frage kommt. Berühmt ist nicht zuletzt Erika Fuchs, die eine ganze Comic-Welt mitprägte.

In der Wirtschaft: Ihr Übersetzer ist Ihre Marke

Nach vielen Jahrzehnten noch ist ein Übersetzer in der Lage, in einem größeren Text, den er nicht vollständig übersetzt hat, seine eigenen Passagen zu erkennen, auch wenn er sich nicht mehr konkret an alle Einzelheiten des Auftrags und des Inhalts erinnert, und sogar die Arbeit von Kollegen sicher zuzuordnen. Die Qualität seiner Übertragung, aber auch bestimmte Formulierungen, die er bevorzugt, weil sie aufgrund seiner Erfahrung, seines Sprachempfindens, seiner Einschätzung der Zielgruppen seiner Meinung nach geeigneter, zielführender oder eleganter sind, sind für ihn ein eindeutiger Fingerabdruck.

Im Marketing spielt der Übersetzer eine gestaltende Rolle.

Corporate Wording und Corporate Language sind ebenfalls auf die kreative Arbeit von Übersetzern zurückzuführen, die in ihrer Muttersprache für ein Unternehmen eine schlüssige, einerseits der Werbeabsicht und andererseits der Zielgruppe, ihren Anforderungen und Erwartungen entsprechende Unternehmenssprache schaffen.

In der Transcreation findet diese besondere Handschrift ihre Vollendung.

Die Umsetzung von Claims und Werbebotschaften erfordert ebenfalls ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Kreativität, wenn der Text gelungen und nutzbringend sein soll.

Ihr Übersetzer ist Co-Autor Ihrer Firmenkommunikation und Ihrer Marke, und seine Handschrift ist somit wertvoller Teil Ihrer Stimme, Ihrer Tonalität, Ihrer Corporate Identity und Ihrer Positionierung in Ihrem Zielland.

Gerade deshalb ist es nicht ratsam, die Übersetzer immer wieder den Sonderangeboten folgend zu wechseln.

Gehören Fußnoten in eine Übersetzung?

Ausnahmsweise verraten wir die Pointe vorab: Es kommt darauf an.

Warum und wann Fußnoten nicht Teil einer Übersetzung sein sollten und dürfen

Der Beruf des Übersetzers

„Eigentlich“ ist es die Aufgabe des Übersetzers, einen fertigen und ohne Weiteres, also ohne die Notwendigkeit zusätzlicher Hilfsmittel, gebrauchsfähigen Text zu liefern. Er soll der Mittler sein, der in die Welt des Anderen einführt.

Übersetzer bauen Brücken - Fachübersetzungen

Texte für die Unternehmenskommunikation

Alles, was der Unternehmenskommunikation dient, muss ohne Fußnote lesbar, verständlich und stimmig sein. Dies gilt natürlich ganz besonders für Marketing, Korrespondenzübertragung in eine Fremdsprache, aber auch für Pressemitteilungen. Eine gute Übersetzung muss wie ein Original zu lesen sein und darf insofern keine Fußnoten enthalten.

 Oder doch eine Fußnote?

 Journalistische und (sprach-)kulturell informative Texte

Mitunter können Fußnoten oder in Klammern eingefügte Anmerkungen allerdings nicht nur hilfreich, sondern auch als Teil des Inhalts notwendig sein. Dies gilt zum Beispiel für Zeitungs- und Fachartikel, wenn die Wahl eines bestimmten Begriffs im Ausgangstext ein wichtiges Element der Aussage-Absicht darstellt und ausdrücklich als solche unterstrichen und veranschaulicht werden sollte.

Auch Texte, die sich mit touristischen Sehenswürdigkeiten, Brauchtum, Kulinarik beschäftigen, kommen manchmal nicht ohne erklärende Ergänzungen aus: Der Übersetzer ist hier Kulturmittler, und es gehört zu seinen Aufgaben, beschreibend nahezulegen, was kulturell zu fremd ist, um lexikalisch ausgedrückt und verstanden zu werden.

Literarische Übersetzungen: Zeitenwandel

In früheren Zeiten wurde mit Fußnoten gearbeitet, um Gegenstände und Situationen, die in der Allgemeinbildung bzw. dem Kanon des Ziellandes nicht vorausgesetzt werden konnten, zu erklären. In unserer kleiner gewordenen Welt und zudem dank des Internets bergen Scones, Quiches, Kabuki, Magdalenas, Sakura und Gong Fu Cha nicht mehr die Geheimnisse, die sie noch bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein für den durchschnittlich belesenen Laien darstellten. Fußnoten sind bis auf wenige Ausnahmefälle in der Übersetzung von Dichtung und Prosa weitgehend verpönt. Viel mehr gilt es als Bringschuld des Übersetzers, einen eigenen Text zu kreieren, der als selbstverständlich wahrgenommen wird. Im Zweifelsfall soll Lokalkolorit zugunsten einer größeren Verständlichkeit geglättet werden.

Fußnoten als Teil der Übersetzung

Informationsübersetzungen und verhandlungsrelevante kaufmännische Korrespondenz

Manchmal ist es nicht nur wichtig, zu verstehen, was in einem Text steht, sondern auch das Nichtgesagte, das sich zwischen den Zeilen verbirgt, genau ermessen und einschätzen zu können. Eine Übersetzung allein ermöglicht es nur bedingt, nonverbale Botschaften zu vermitteln. Fällt die Schlussformel eines Geschäftsbriefes etwa aufgrund ihrer ausdrücklichen Herzlichkeit auf, die im deutschen Sprachraum deshalb keine Entsprechung findet, weil diese Art von suggerierter Nähe im beruflichen Umfeld schlicht nicht existiert, muss der Übersetzer den für den unvorbereiteten Leser überraschenden Begriff, die Facetten seiner Bedeutung und seine Implikationen nicht nur besonders hervorheben, sondern auch kontextuell einordnen: Wäre eine solche Formulierung im Ursprungsland eine bemerkte Ausnahme und Abweichung von der Norm? Was sagt sie über die vom Absender signalisierte Beziehungsentwicklung aus? Wie würde sie von einem muttersprachlichen Empfänger emotional und sachlich rezipiert? Was sagt der Text über das Bildungsniveau und den sozialen Stand des Gesprächs- oder Geschäftspartners aus? All dies trägt dazu bei, geschäftliche Beziehungen präziser einzuschätzen, und ermöglicht im Gegenzug erst eine angemessene Reaktion.
Selbst eine Beleidigung, die in einem Land als besonders krude empfunden wird, kann in einem anderen gewohnheitsmäßig als eher wenig anstößig verwendet werden. Eine Übersetzung ohne Erklärung des Sprachebenenkontextes wäre in einem solchen Fall nicht hilfreich bzw. wäre unvollständig: Es ist die Pflicht des Übersetzers, klarzustellen, ob es sich um einen gedankenlosen Sprachgebrauch oder um einen deutlichen verbalen Angriff handelt.

Ebenso kann eine ungewohnte Formulierung in einem Brief, einer Auftragsbestätigung, einer Ausschreibungsbeschreibung das Ziel haben, eine kaufmännische Unklarheit zu schaffen, die später ausgenutzt werden könnte. Zuweilen kann der Unterschied zwischen einem Standardtext und einem Fallstrick sehr gering sein und durch Worte alleine nicht ausreichend deutlich werden. Der Übersetzer muss auch dann darauf hinweisen, wenn dies selbst aus einer genauen und guten Übersetzung nicht notwendigerweise hervorgehen würde.

Juristische Übersetzungen – hier zeigt sich der Fachübersetzer

AGB, Verträge, Urkunden und ganz allgemein offizielle Unterlagen gelten als trockene Materie, bei der Kreativität weder erforderlich noch erwünscht sein kann. In der allgemeinen Vorstellung ist gerade in einem so konkreten Bereich, in dem Eindeutigkeit von höchster Bedeutung und zugleich als naturgegeben gilt, kein Erklärungsbedarf zu erwarten. Tatsächlich ist es nicht so einfach: Begriffe können in der Rechtspraxis des Ziellandes einerseits durchaus als „Wort zu Wort“-Übersetzung problemlos übertragbar sein, und dennoch eine andere Realität in sich tragen. Gern zitiert wird hier die Unterscheidung zwischen „Garantie“ und „Gewährleistung“ im deutschen Sprachraum, die in vielen Ländern nicht gegeben ist.

Ebenso wichtig ist es, dass der Übersetzer in offiziellen Dokumenten durch Fußnoten auf etwa unterschiedliche Schreibungen oder weitere Einzelheiten aufmerksam macht, die als Formfehler relevant sein oder werden könnten.
Die Tücke liegt zuweilen auch wirklich im Detail: Fristenangaben, Netto- und Brutto-Beträge werden nicht überall auf der Welt identisch verstanden, und so ist es Aufgabe des Übersetzers, auf eventuelle Probleme und Unstimmigkeiten aufmerksam zu machen bzw. die Zweideutigkeiten, die sich daraus ergeben könnten, hervorzuheben. Genauso, wie Juristen in ihrem Land lernen, Gesetzestexte zu interpretieren und ihre eigentliche Lesart zu präzisieren, müssen auch Übersetzer von Rechtstexten und Urkunden mitunter explikativ den Leser unterstützen.

Übersetzungen für Strafverfahren und Strafvollzug

Eine ganz besondere Kategorie von Übersetzungen bilden Akten für polizeiliche Ermittlungen im Rahmen von Straftaten. JVA müssen im Verdachtsfall sicher in Erfahrung bringen können, ob ein Brief in einer Fremdsprache wirklich einer kranken Tante gilt oder sprachliche Auffälligkeiten beinhaltet, die auf einen Code schließen lassen könnten. In seiner Eigenschaft als Linguist muss der Übersetzer neben der eigentlichen Übersetzung einen sprachgutachtlichen Apparat aus Fußnoten und Kommentaren zur Verfügung stellen. Ähnlich werden Beweismittel wie Korrespondenz oder Nachrichtenaustausch in den Sozialen Netzwerken vor und nach einer Straftat nicht nur übersetzt, sondern über Fußnoten auf Neben- und Zweitbedeutungen analysiert.
Es kommt ebenfalls vor, dass Übersetzer und Psychiater Hand in Hand an der Entschlüsselung von Aufzeichnungen arbeiten, die über die Schuldfähigkeit von Angeklagten mit entscheiden können.

Übersetzer hinterlassen nicht nur im weiten Kosmos der Bücher ihre Spuren. Sie legen Ideen und Inhalte frei, führen über kunstvoll ausgearbeitete Pfade in die Welt Ihrer Geschäftspartner und zu Ihnen zurück. Sie helfen Ihnen, Image und Renommee Ihres Unternehmens im Ausland eindrucksvoll festzulegen.

Übersetzer sind Spurensucher, Spurenfinder und Spurengestalter.

Übersetzer als Spurensucher - Kompass