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Internationalisierung, Globalisierung, Relokalisierung.

Modelle für eine Wirtschaft nach Corona: länderübergreifend und mehrsprachig.

Die Welt hat sich in den letzten Monaten merklich verändert. Das betrifft unseren Alltag vom Einkaufen bis zur Urlaubsreise, und noch mehr natürlich die Wirtschaft. Die Pandemie hat nicht nur Gewohnheiten durcheinandergebracht, neue Lebens- und Arbeitsrhythmen geschaffen, sondern uns auch vor neue wirtschaftliche Tatsachen gestellt und viele Fragen aufgeworfen. Wir sind so sehr in den Strudel der Ereignisse geraten, so sehr damit beschäftigt gewesen, Tag für Tag und nach Dringlichkeiten Abläufe und Rentabilität sicherzustellen, dass langfristige Entwicklungen auch rückblickend nicht mehr so einfach einzuschätzen sind. Mit diesem Artikel möchten wir unseren Kunden helfen, zum einen in Ruhe Bilanz zu ziehen, zum anderen Aussichten, Gelegenheiten und Einschätzungen für ihr internationales Geschäft wahrzunehmen und einzuordnen.

Wie die Wirtschaft ausgebremst wurde – und was es bedeutet

Was ist passiert?

Stellen Sie sich vor, Sie reisen mit dem Zug. Ob es sich dabei um eine kleine verträumte Bergbahn, die Sie zu Ihrem Urlaubsort in ein Schweizer Dörfchen bringt, oder um eine Geschäftsreise quer durch Japan mit dem schicken Shinkansen handelt, spielt keine Rolle. Während Sie sich entspannt Ihrer Reiselektüre widmen, Musik hören, Selfies posten, noch einmal Ihre Unterlagen für Ihre Besprechung durchgehen oder einfach den Blick aus dem Fenster genießen, führt der Zugführer seine üblichen Routineaufgaben durch.

In einer schlecht einsehbaren Kurve jedoch liegt unvermittelt ein Baumstamm auf den Gleisen. Vielleicht wurde er von Aktivisten oder Terroristen gefällt, um eine Entgleisung zu verursachen; vielleicht sind Borkenkäfer, Altersschwäche und der Zufall eines ungünstigen Windstoßes verantwortlich. Für das, was nun geschieht, spielt es vorerst tatsächlich keine Rolle. Eine Vollbremsung wird ausgelöst, und die Lage in den Wagons wird ungemütlich: Gepäckstücke fallen von den Ablagen, Menschen werden auf die gegenüberliegenden Sitze geschleudert oder stürzen.

Nach einer ersten Schreckminute gibt es viel zu tun: Die Gleise müssen freigeräumt, verletzte Passagiere versorgt und gegebenenfalls abtransportiert werden. Nachdem klar ist, dass die Situation nicht ganz so schlimm ist wie befürchtet, kann die Fahrt endlich fortgesetzt werden, wenn auch im gemäßigten Tempo, da zuerst geprüft werden muss, ob die Lok die Begegnung mit dem Hindernis wirklich so gut überstanden hat, wie es zunächst scheint, und zudem Rücksicht auf den restlichen Zugverkehr auf dieser Strecke genommen werden muss, der durch den Unfall und die entstandenen Verspätungen erheblich durcheinandergebracht wurde. Schließlich soll auch den Fahrgästen wieder Vertrauen, Sicherheit und Normalität vermittelt werden, und sie sollen, so effizient die Umstände es zulassen, ihr Ziel erreichen, wenn auch über Umwege.

Dies in etwa erlebte die Wirtschaft in den letzten Monaten infolge von Covid-19. Ganz ohne Blessuren und einen gewaltigen Schreck ging diese Zeit nicht an uns vorbei, und ein wenig wackelig auf den Beinen fühlen wir uns noch, aber nun wird wieder Fahrt aufgenommen und, wenn auch auf Sicht und mit vorsichtigem Tempo, dem Ziel entgegengestrebt – für die kleinsten Unternehmen im „Regionalverkehr“ ebenso wie für die Geschäftsreisenden der Großunternehmen und Konzerne auf den „Langstrecken“. Doch in welche Richtung wird die Reise nun gehen?

Wie geht es weiter?

Was uns erwartet, können wir nur bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Wir wissen nicht, wann ein Impfstoff zur Verfügung stehen wird und mit welcher Art von „Normalität“ wir uns auseinandersetzen müssen. Im Moment sind Think Tanks, Ökonomen und Soziologen damit beschäftigt, in die berühmte Kristallkugel zu schauen und Vermutungen über mögliche Entwicklungen anzustellen. Ihre Ergebnisse sind vielfältig, zuweilen widersprüchlich, und spiegeln in dieser Hinsicht die Meinungen und Wünsche wider, die auch in den Sozialen Medien zu lesen sind: Wird es eine Abkehr von den bisherigen Wegen geben? Werden neue Werte an ihre Stelle treten? Werden Umwelt und soziales Denken eine größere Rolle spielen? Wird Home Office endgültig zum Arbeitsumfeld der Zukunft? Wollen wir im Gegenteil so schnell wie möglich zu dem zurückkehren, was wir kennen und bisher funktionierte, den Wohlstand unserer westlichen Gesellschaften sicherte? Hat Just-In-Time ausgedient? Ein Füllhorn voller Fragen steht im Raum, und mit ihm Begriffe, die im Übersetzungsgeschäft längst Alltag sind.

Globalisierung, Internationalisierung, (Re‑)Lokalisierung …

Viele Begriffe, viele Irrtümer

Globalisierung eurolanguage Fachübersetzungen

Globalisierung: Hat sie ausgedient?

Nach dem Zusammenbruch der Logistikketten in diesem Frühjahr wurde Vieles kritisch hinterfragt. Die Globalisierung, die bereits zuvor ohnehin nicht ganz widerspruchslos beäugt wurde, wurde schnell als Teil, ja wichtigste Ursache des Problems an den Pranger gestellt, und manche sahen die Krise als Symptom und Warnung zugleich.

Der Begriff „Globalisierung“ ist an sich keine ursprünglich wirtschaftliche oder sozialwissenschaftliche Größe. Das Wort leitet sich von „Globus“ ab und bezeichnet die gesteuerte und gezielt aufgebaute weltweite Verflechtung von Menschen und all ihren Aktivitäten, ob im privaten, kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Bereich. Kolumbus, Cook, Vasco da Gama gehörten wohl zu den ersten, die sich um solche Vorgänge bemüht haben.

Mit der Intensivierung dieses Bestrebens, die Welt kleiner zu machen, wirtschaftlich überall präsent zu sein und aus jedem Land das Beste „mitzunehmen“, wurden in den letzten Jahren Lieferketten auf alle Kontinente verteilt, Produktionsstätten gewinnorientiert verlegt und Absatzmärkte in weiter Ferne erschlossen. Globalisierung wurde nun von den einen als Heilsbringer der Wirtschaft und des Wachstums gepriesen, von den anderen als sozial fragwürdigste Ausformung eines maßlosen und menschenverachtenden Kapitalismus’ verteufelt.

Unabhängig von diesen gegensätzlichen Meinungen erwies sich diese Strategie nach der pandemiebedingten Schließung der Grenzen als fragileres Konstrukt als bisher angenommen.

Zurück zu nationalen Wirtschaften und Produktionen? Was Relokalisierung bedeutet

Eine Überlegung, die sich aus diesen Beobachtungen entwickelte, war die Rückverlegung wichtiger Produktionsvorgänge ins eigene Land. Nach der Vollbremsung und dem unerfreulichen Kontakt mit dem Baumstamm, der sich auf die Gleise gelegt hatte, war manchem eher danach, das Zugfahren sozusagen ganz zu lassen und auf Wanderwege umzusteigen, die wesentlich weniger riskant schienen. Ob dies tatsächlich eine Option für die Zukunft sein wird, kann zur Zeit niemand voraussagen. Auch wenn die Versuchung groß sein mag und in einigen Branchen durchaus eine größere Differenzierung in solchen Entscheidungen stattfinden könnte, erscheint es objektiv wenig wahrscheinlich, dass – um bei unserem Bild zu bleiben – das ganze Schienennetz, das unsere Wirtschaft seit Jahrzehnten trägt, wegen eines zwar beeindruckenden, aber bisher einmaligen Vorfalls von heute auf morgen komplett abgebaut und vernichtet wird.

Denkbar ist allerdings, dass einige Märkte und Geschäftsbeziehungen auf kleinere Größen zurückgeführt werden: auf EU-Ebene anstatt auf Weltebene etwa, auf Kontinent-Ebene vielleicht in anderen Teilen der Welt. Relokalisierung würde hier also eine Rückführung auf einen geographisch überschaubareren und beherrschbareren Maßstab bedeuten.

Ein Begriff schafft den Konsens: Digitalisierung

Ein kluges Modell als Chance und Auftrag?

Wer trotz Einbruch der Gesamtwirtschaft in den letzten Monaten dennoch wenig zu beklagen hatte, hatte nicht nur Glück, sondern hatte es vor allem verstanden, sein Angebot und die meisten seiner Geschäftsabläufe, ob im B2B oder im B2C, zu digitalisieren. Selbst in der besonders getroffenen Gastronomie hatten jene Restaurants eine bessere Überlebenschance, die übers Internet einen Lieferservice oder Abholbuchungstermine per App hatten einrichten können. Freiberufliche Lehrer, Personal Coaches, Psychologen, die rechtzeitig ein Online-Angebot hatten aufbauen können, konnten zumindest einen Teil ihres Einkommens über die Krise retten. Die Digitalisierung, die bereits in aller Munde als Zukunftsmodell ohne Wenn und Aber gehandelt wurde, ist seitdem im Mittelpunkt des Interesses und der Investitionsüberlegungen.

Doch welche Konsequenzen hat dies für Unternehmen wirklich?

Digitalisierung im B2C – wirtschaftlich und krisensicher

Digitalisierung ist im B2C ein erster Schritt, um eine Unabhängigkeit vom Ladengeschäft herzustellen – sei es als zweites Standbein oder als komplette Umstellung des Geschäftskonzepts. Neben der Möglichkeit, auch in Zukunft Geschäftsschließungen auf diese Weise umgehen zu können, können Mieten und Verkaufspersonal eingespart werden, was gerade für sehr kleine Geschäfte zu einer deutlicheren Rentabilität führen kann.

Digitalisierung im B2B – Lean Management

Im B2B kann die Digitalisierung vieler Produktions- und administrativen Prozesse zu einer Verschlankung der Abläufe führen, was die betriebliche Flexibilität und Geschwindigkeit erhöht, die Kosten senkt und die Wettbewerbsfähigkeit unterstützt.

Digitalisierung als Rettung?

Was die Abkehr vom Direktgeschäft bedeutet

Sieht man von Unternehmen aus der Stand-Gastronomie ab, denen Lieferdienst-Plattformen ermöglichen, ihr Geschäft weiter lokal zu führen, jedoch parallel neue Vertriebswege zu erschließen, lässt sich das Modell allerdings nicht ohne zusätzliche Überlegungen auf alle Branchen übertragen.

Die Unabhängigkeit vom Ladengeschäft im B2C, vom Unterrichtsraum, oder von der physikalischen Kanzlei oder Praxis und die Verlegung aller Aktivitäten in die virtuelle Welt durch Online-Shops, Online-Sprechstunden, Online-Beratung oder Online-Kurse implizieren aber auch eine größere Vergleichbarkeit der Angebote, und somit eine wesentlich höhere Konkurrenz. Auch im B2B kann der Umstieg auf das Internet der Dinge in der Produktion und auf rein virtuelle Dienstleistungsangebote zu einem Verblassen von Image und Positionierung führen. Die Gefahr, sich zu Dumping-Preisen verführen zu lassen, die zwar den Absatz sichern, aber keinen ausreichenden Umsatz ermöglichen, um langfristig zu überleben, ist groß.

Durch den Verlust des persönlich-menschlichen Aspekts muss die Kundenbindung auf anderen Wegen erreicht werden. Es wird eine viel intensivere Branding-Arbeit erforderlich, die wiederum eine hohe Zeitinvestition, aber auch Kapital erfordert – idealerweise beides.

Wie Internationalisierung eine lebensfähige Digitalisierung erst ermöglicht

Eine bessere Möglichkeit besteht darin, die Kundenansprache zu streuen, indem sie internationalisiert wird. Die Vorteile liegen auf der Hand: Es werden sofort und mit relativ geringem Aufwand mehr potentielle Kunden erreicht. Es ist auch die Gelegenheit, neue Zielgruppen zu integrieren und bestehende Zielgruppen zu verschieben: von der Kundschaft, die Wert auf den persönlichen menschlichen Kontakt legt, auf eine Kundschaft, die gern direkt entscheidet und sich von der Attraktivität der Produkte, ihrer Präsentation, des Brandings und der Qualität des Online-Services leiten lässt.

How to Internationalisieren? Gute Übersetzungen sind der Schlüssel

Internationalisierung bedeutet aber nicht nur, Produkte irgendwie für den Auslandsverkauf anzubieten. Um überzeugen zu können, muss die Qualität der Vorstellung herausragend und perfekt auf die Zielgruppen angepasst sein.

Um dies wiederum zu erreichen, sind stilistisch perfekte Texte und eine konkrete, gezielte Ansprache unerlässlich, die der Mentalität des jeweiligen Ziellandes entspricht und ihr Rechnung trägt. Die bloße sprachliche Übertragung einer Website reicht nicht aus. Hier können erfahrene Übersetzer beratend helfen, die Elemente herauszuarbeiten, die den kleinen, aber wichtigen Unterschied machen. Maschinelle Übersetzungen, die für den privaten Gebrauch als halbzulängliches Hilfsmittel durchaus hilfreich sein können, werden hierfür eine qualifizierte, dezidierte und hochwertige Arbeit nicht ersetzen können.
Ob – in welcher Form auch immer – Globalisierung oder Relokalisierung die Welt von morgen prägen, ob unsere Märkte wieder größer werden oder kontinental-regional zu suchen sein werden: Der internationale Austausch wird an qualitativer Bedeutung gewinnen.

Sie möchten den digitalen Weg gehen und so Ihr Geschäft auf die Welt von morgen vorbereiten? Wir beraten Sie und helfen Ihnen. E-Mail:  office@eurolanguage.net

Wir erklären Ihnen, wie viele Sprachen Ihre Website braucht, welche Texte Sie am dringendsten in der Übersetzung benötigen und welche Sie zurückstellen können, wie Sie Ihre Übersetzungskosten steuern können und vieles mehr.

Globalisierung, Internationalisierung, Relokalisierung, Digitalisierung - nach Corona

Fotos: @canva

Lehren aus der Corona-Krise

Ein wichtiger Begriff in letzter Zeit war das kleine Adjektiv „systemrelevant“. Es entschied darüber, welche Branchen arbeiten, welche Geschäfte öffnen durften und mussten, und welche Familien in Form von Notbetreuung der Kinder, in einigen Ländern auch von kostenlos überlassenen Mietfahrzeugen, Essensgutscheinen und dergleichen unterstützt wurden. Schließlich ging es darum, die Grundfunktionen des Lebens aufrechtzuerhalten.

Sind Übersetzer systemrelevant?

Für die Übersetzungsbranchen – und wir schreiben hier bewusst im Plural – ergab sich eine vielschichtige und paradoxe Situation.

Es gibt Dolmetscher und Dolmetscher

Als die ersten internationalen Konferenzen abgesagt und die ersten Messen und Veranstaltungen auf unbestimmte Zeit verschoben wurden, waren die Dolmetscher die ersten, die die plötzlichen Veränderungen zu spüren bekamen. Bereits Ende Februar wurde ihnen mitgeteilt, dass ihre Dienste nicht benötigt würden, und gebuchte Aufträge wurden abgesagt. Nur wenigen Unternehmen gelang es, rechtzeitig die Technik für Video-Einsätze dieser Art aufzubieten.

Dolmetscher-Mikrophon-KopfhörerParallel dazu rückte ein Dolmetscherberuf gerade in den Medien als besonders systemrelevant in den Vordergrund. In einer Zeit, in der jede noch so kleine Information lebensentscheidende Wichtigkeit erlangen konnte, wurde deutlich, wie unentbehrlich Gebärdendolmetscher weltweit als Mitglieder der Krisenstäbe wurden.

Was sich hier zeigte, ist auch für die Übersetzungsbranche allgemein ein Zeichen: Die genaue und zielgruppengerechte Übertragung von essentiellen Informationen ist ohne die Arbeit eines hochqualifizierten Mittlers nicht möglich, und wenn es darauf ankommt, wissen dies auch Regierungen und Behörden zu schätzen und umzusetzen. Nicht Maschinen und KI wurden eingesetzt, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die in Sekundenschnelle die Fakten sortiert und doch lückenlos, verständlich, gezielt, einfühlsam und ohne in einer solchen Lage verheerende Zweideutigkeiten kommunizieren konnten – eben das, was auch zwischen Fremdsprachen einen guten Dolmetscher ausmacht.

Übersetzungen und internationale wirtschaftliche Beziehungen: Bilder einer Symbiose

Ebenso wurde in den letzten Monaten schmerzlich deutlich, wie sehr unsere globalisierte Welt von einer reibungslosen Funktion der Logistikketten in Industrie und Dienstleistungen abhängig ist. Warenlieferungen für den Endverbraucher und die Industrie sind unerlässlich, damit unsere Arbeit und unser Alltag gesichert sind.

Diese enge Verstrickung besteht ebenfalls zwischen Wirtschaft und Übersetzung. Ohne Übersetzer können internationale Verträge über Waren- und Personenaustausch, Bestellungen und Lieferungen nicht verhandelt werden. Im gleichen Maße ist die Übersetzungsbranche von einer beständigen internationalen Wirtschaft abhängig und untrennbar mit intensiven Import-/Export-Tätigkeiten verbunden. Es ist kein Zufall, wenn viele Übersetzungsagenturen, wie eurolanguage auch, in den 1990er Jahren gegründet wurden,als Handel und Produktion sich anschickten, zunächst innerhalb Europas, später immer mehr auf weltweiter Ebene, alle Grenzen zuüberwinden. Ohne uns ist Verständigung zwischen Ländern und Unternehmen nicht möglich, ohne das rege Leben von KMU und Konzernen, ohne Tourismus und interkulturelle Begegnungen wäre auch unsere Existenz in Frage gestellt.

Systemrelevante Übersetzungen und Dolmetscherleistungen während der Corona-Krise

Fand der unmittelbare medizinisch-wissenschaftliche Austausch in den letzten Monaten hauptsächlich direkt in englischer Sprache statt,so ergab sich jedoch in einigen Regionen eine durchaus vitale Übersetzungstätigkeit, die ein neues Licht auf die Frage wirft, ob unsere Arbeit als systemrelevant einzuschätzen wäre.

In vielen europäischen Ländern führte die Schließung von Kindertagesstätten, Kindergärten und Grundschulen zu einem kurzfristig erhöhten und dringenden Übersetzungsbedarf. Eltern mit Migrationshintergrund, die in ihrer neuen Heimat der Landessprache nicht immer ausreichend mächtig sind, um schwierige Sachverhalte mit der gebotenen Eile zu verstehen, mussten schnell und verständlich informiert werden. Auch Ratschläge für die Beschäftigung der Kinder und zu Homeschooling, Merkblätter zu verspäteten Einschulungsverfahren und dergleichen mussten – oft in Echtzeit – übersetzt werden.

In Frankreich bemühten sich Gemeinden mit hohen Migrantenanteilen, die immer wieder angepassten Beschränkungsverordnungen schnellstmöglich in vielen Sprachen zur Verfügung zu stellen, um einen identischen Informationsstand aller Bevölkerungsteile zu sichern und so die Einhaltung der Regeln möglich zu machen. Städtische Wohnbaugesellschaften in den Vororten der Großstädte ließen Plakate und Wurfsendungen übersetzen, die dazu beitragen sollten, das Zusammenleben in den oft gigantischen anonymen Wohnblöcken so ansteckungsarm wie möglich zu gestalten.

In London hatten Dolmetscher in den Corona-Testzentren viel zu tun. Insbesondere in den sozial benachteiligten Schichten, die dort den Statistiken nach überdurchschnittlich vom Virus getroffen wurden, fehlt es oft an ausreichenden Sprachkenntnissen, um die zuweilen nicht ganz einfache Prozedur in Anspruch zu nehmen.

Auch in Flüchtlingslagern waren Dolmetscher unterwegs und standen Ärzten und Krankenschwestern zur Seite – worüber kaum berichtet wurde.

Doch auch eine andere Art von Übersetzungen nahm in dieser Zeit einen nicht zu unterschätzenden Platz ein und wurde zu einem wortwörtlich lebensentscheidenden Bestandteil der Kommunikation: Die Übertragung der schwierigen, sich permanent ändernden und mitunter für alle verwirrenden Neuerkenntnisse und Vorschriften in einfache Sprache war unerlässlich, um Menschen mit Behinderungen bzw. mit eingeschränktem Verständnis komplexer und abstrakter Texte barrierefrei zu informieren – eine unbestritten systemrelevante Aufgabe.

Warum Übersetzungen in Zeiten der Pandemie wichtig sind: das schlechte Beispiel Japans

Japanerin mit Corona-Maskenschutz-Übersetzer sind systemrelevantStellen Sie sich vor, Sie leben seit kurzem in einem fremden Land, sind von einer fremden Sprache umgeben, die Sie mittlerweile gerade genug beherrschen, um einkaufen zu gehen und ein unverbindliches Pläuschchen mit dem Nachbarn zu halten, deren Schrift Sie aber noch nicht lesen können. Stellen Sie sich weiterhin vor, dass Sie nicht der einzige in dieser Situation sind, sondern es Millionen wie Sie gibt. Stellen Sie sich nun vor, es käme gerade jetzt zu einer Pandemie. Um zu wissen, was wie auf Sie zukommt, brauchen Sie Informationen, die Sie verstehen, Aushänge, die Sie lesen können. Und stellen Sie sich schließlich vor, dass es so etwas nicht gibt, dass Sie keinerlei Zugang zu den Beschränkungen und Verboten in Ihrer Stadt bekommen können, dass Sie nichts über die tatsächlichen Ansteckungszahlen vor Ort erfahren können, dass Sie sich gestrandet und verlassen fühlen.

Dies erlebten ausländische Mitarbeiter und Touristen in Japan zu Beginn dieser Pandemie, und die japanische Regierung sah sich deswegen mit einer sehr harten Kritik ihres Krisenmanagements konfrontiert. Viele Verlautbarungen und Vorschriften standen nur in der Landesschrift zu Verfügung, was den unvermeidlichen Stress- und Verunsicherungsfaktor noch deutlich erhöhte. In einer zweiten Phase wurden zwar Übersetzungs-Apps eingesetzt, die jedoch höchstens in englischer Sprache angeboten wurden und – den Aussagen der Betroffenen nach – eher als Krücke denn als Hilfe zu sehen waren. Wenn es darauf ankommt, geht eben nichts über die menschliche Übersetzung.

Übersetzungen nach Corona

Übersetzungen werden zur Wiederherstellung der Logistikketten beitragen

Nach den Lockerungen und mit dem langsamen Anlauf der Wirtschaft ist ein Anstieg des Übersetzungsbedarfs zu erwarten. Der Waren- und Personenverkehr zwischen Ländern läuft noch nicht reibungslos, Messen und touristische Veranstaltungen sind noch zu planen, und es sind noch viele Detailfragen zu klären: In den unterschiedlichen Ländern ändert sich der Stand der Dinge täglich, was nur mit einer differenzierten und feinfühligen Sprache zu vermitteln ist.

Auch betriebsinterne und betriebsübergreifende Kommunikation wird in den kommenden Wochen und Monaten für einen reibungslosen Übergang zu dem, was wir Normalität nennen werden, immer entscheidender sein.

Online-Handel: die „Gewinner“ der Krise werden gute Übersetzungen brauchen

In einer Zeit, in der noch immer Menschen sterben und die Zukunft für so viele unsicher bleibt, von „Gewinnern“ zu sprechen, mag zynisch klingen. Doch wirtschaftlich haben im B2C tatsächlich die Unternehmen Glück im Unglück, denen es gelingt, ihre Produkte online zu verkaufen – ganz gleich, ob sie sich damit eine Alternative zu ihrem Ladengeschäft eröffnen wollen oder sich ganz und gar auf die digitale Welt beschränken. Für diese Händler wird es nicht genügen, auf kostenlose maschinelle Übersetzungen zurückzugreifen: Gerade weil es ihnen viele nachmachen werden, werden sie es sich nicht leisten können, sich auf den regionalen Markt zu beschränken. Im internationalen Maßstab wiederum wird angesichts der unbegrenzten Konkurrenz die Qualität der Produktvorstellungen in Text und Bild entscheidend sein.

Übersetzungen jenseits der Globalisierung

Die Pandemie hat die Globalisierung in ein neues Licht gerückt, und nicht selten wurden Skepsis und Kritik laut. Manche Ökonomen sehen Anzeichen für eine Relokalisierung einer Vielzahl von Wirtschaftsangeboten. Hierfür wird mittelfristig eine sehr dezidierte Ansprache von Kunden und potentiellen Partnern notwendig sein, die interkulturelle Kompetenz unerlässlich und unersetzlich macht.

Wissenschaft und Medizin brauchen präzise Übersetzungen

Medizinische Übersetzungen in der CoronakriseEnglisch spricht in der Wissenschaft jeder, und das reicht doch auch. Oder? Dass dem nicht so ist, zeigt dieses Beispiel. Spätestens dann, wenn eine Brücke zwischen Wissenschaft und Laien geschlagen werden soll, werden gute, zuverlässige und stimmige Übersetzungen gebraucht. Mit der zunehmenden Auswertung der Daten, der Entwicklung eines Impfstoffs oder eines Medikaments wird auch in den kommenden Monaten ein großer Übersetzungsbedarf entstehen. Sprache spielt an der Schnittstelle zwischen Forschung und Öffentlichkeit bzw. zwischen Forschung und Politik eine unermessliche Rolle. Es muss transparent informiert werden, das allgemeine Interesse ist groß, PR-Arbeit für die Akzeptanz von Ideen und Ansätzen in Bevölkerung und Politik entscheidend.

Auch wenn zu vermuten ist, dass Übersetzer, Dolmetscher und Übersetzungsagenturen nicht so bald tatsächlich als systemrelevant eingestuft werden, so ist doch zu hoffen, dass noch vor der nächsten Krise begriffen wird, wie wichtig wir als Glied in der langen Kette von Zusammenleben und Wertschöpfung sind.

 

Fotos: @canva.com + @unsplash.com