Disruption in der Übersetzungsarbeit_Übersetzungsbüro eurolanguage

Übersetzer und ihre aktiv-wirtschaftliche Rolle des Lokalisierers oder Transcreators.

Es ist ein Gemeinplatz und ein in diesem Blog viel erwähntes Phänomen: Wirtschaft und Unternehmen verändern sich – und somit auch die Arbeitswelt der Übersetzer, die ihnen zur Seite stehen. Dies führt nicht zuletzt zu einer disruptiven Typisierung der Aufgaben, die das Tagesgeschäft der Übersetzung mit sich bringt. Vor allem aber entstehen neue Begrifflichkeiten und Formen des Übersetzens, während andere verschwinden oder längst verschwunden sind.

Zu den Übersetzungswegen, die kaum noch genutzt werden, gehört die sogenannte Informationsübersetzung, die noch vor wenigen Jahren eine Blütezeit erlebte.

Ging es nur darum, den Inhalt eines Textes zur Kenntnis zu nehmen, hatte der Kunde mehrere Möglichkeiten: eine grobe Zusammenfassung des Textes am Telefon, eine schriftliche detaillierte Inhaltsangabe oder eine eher wörtliche Übersetzung ohne stilistische Ansprüche und mit oft vielen Fußnoten, die dazu dienen sollten, den genauen Inhalt und die Textabsicht erfassen zu können.

Die Informationsübersetzung wird heute mehrheitlich durch maschinelle Übersetzungen ersetzt, die der Kunde selbst online anfertigen lassen kann. Die Texte sind nicht zur weiteren Verwendung geeignet, sie sollen lediglich zu einem groben Verständnis verhelfen. Ganz ohne Tücke ist diese Selbstbedienung allerdings nicht: Wichtige interkulturelle Nuancen und diplomatische Zwischentöne, insbesondere in der Korrespondenz, die aus geschäftlicher Sicht wichtig oder sogar entscheidend sein können, und auf die der Sprachmittler beratend aufmerksam machen würde, bleiben dabei unbemerkt.

Mit zunehmender Digitalisierung ist die sogenannte Lokalisierung zu einem zentralen Teil der Übersetzungsaufgaben geworden.

Die sprachliche und kulturelle Anpassung von Software, wie Buchhaltungs-, Warenverwaltungsprogramme, Datenbanken, Shop-Oberflächen und Backends, ist eine ganzheitliche Aufgabe, für die Übersetzer neben präzisen Kenntnissen der Gepflogenheiten des Ziellandes auch stets auf der Höhe der digitalen Neuerungen sein müssen. Auch technische Texte werden heute immer häufiger der Lokalisierung als der Übersetzung unterzogen.

Das eigentliche Übersetzen, das Führen eines Textes und seines Inhalts, aber auch seiner stilistischen Besonderheiten in Form all seiner Fehler und Schönheiten, von dem Ufer eines Landes und einer Kultur zu den Gefilden einer anderen Welt, auf dass sie in ihrer ursprünglichen Form beäugt, entdeckt, verstanden und bewundert werden können, ist auch im Bereich der Literaturübersetzung außer bei einer sehr geringen Zahl Kritischer Ausgaben zu wissenschaftlichen Zwecken nicht mehr erwünscht.

Wie im Marketing auch ist das Ziel Transcreation: Der übersetzte Text soll nicht nur sprachlich (was zu allen Zeiten die selbstverständliche Eigenschaft einer hochwertigen Übersetzung war), sondern auch inhaltlich so gelesen werden, als sei er im Zielland entstanden. Der Übersetzer ist hier also weniger Vermittler denn Werbetexter oder Autor.

Paradoxerweise entfernt sich in unserem sogenannten Informationszeitalter gerade das Übersetzen von allen informativen Aspekten und Aufgaben.

Gewünscht ist nicht mehr die Vermittlung im Sinne eines „verstehen wollen“, „kennenlernen wollen“, „aufzeigen wollen“, sondern die Vermittlung im Sinne eines „sagen wollen“, „verkaufen wollen“, „vermarkten wollen“. Die Rücksicht auf kulturelle Unterschiede soll nicht mehr Selbstzweck und Geisteshaltung sein, sondern wird im Interesse des Geschäftserfolgs bewusst instrumentalisiert und dient in erster Linie dazu, sie zu überwinden. Aus der rezeptiv-kommunikativen Rolle des Übersetzers als Sprachmittler ist nun eine aktiv-wirtschaftliche Rolle des Lokalisierers oder Transcreators geworden.

Foto: Martina Schmid